Kleidungskultur SØR

Stilvolle Synthese aus Kunst und Mode

artnet Sammler-Interview mit Thomas Rusche

Thomas Rusche spricht im artnet-Interview über die Entwicklung der SØR Rusche Sammlung sowie den faszinierenden Dialog zwischen Alten Meistern und zeitgenössischer Kunst.

Von Henrike von Spesshardt (27. Januar 2012)

„Immer wieder diese alten Pötte!“, rustikale Betten und Bilder, Bilder, Bilder. Die brachte Thomas Rusches Urgroßvater Heinrich sehr zum Ärger seiner Frau von seinen Touren übers westfälische Land als Handelsvertreter für Kleidung mit. Denn bezahlen konnten viele der auf den Verkaufsfahrten bedienten Bauern nicht und so räumten sie zu Mitte des 19. Jahrhunderts für Urgroßvater Rusche ihre Böden leer. Was einst Kummer der Urgroßmutter war, bildete schon bald den Grundstock für eine der reizvollsten europäischen Sammlungen holländischer Kunst des 17. Jahrhunderts. Und auch mit dem textilen Handelshaus ging es aufwärts, so dass Thomas Rusche heute in vierter Generation den bundesweit tätigen Damen- und Herrenausstatter SØR führt. Viel Zeit verwendet der 1962 geborene Unternehmer, der einen Doktortitel in Wirtschaftswissenschaften und einen in Philosophie besitzt, auch auf den Kunstkauf. Sein profundes Wissen über die Alte Kunst ergänzt er seit einem Erweckungserlebnis 2004 durch umtriebige Ausflüge in die Welt der Zeitgenossen. Dass beide Sammelgebiete mittlerweile oft nicht ohne einander auskommen, erklärt er im Interview mit artnet.

Interview

Herr Dr. Dr. Rusche, wieso wenden sich alle den Zeitgenossen zu und der Markt für Alte Kunst klagt über Nachwuchsprobleme?

Eine Erklärung dafür könnte sein, dass es den klassischen Bildungsbürger nicht mehr gibt. Der vermögende Rechtsanwalt, Zahnarzt, Oberstudiendirektor hatte vor 30, 40 Jahren noch die Kaufkraft, sich zwei, drei gute Alte Meister leisten zu können. Für 20.000 Deutsche Mark konnte man auch in renommierten Galerien schon einen erstehen. Wenn Sie sich aber heute die Einkommensverhältnisse anschauen: Das Bildungsbürgertum tut sich damit nun schwer. Und die, die Geld haben, die wollen so richtig, deutlich, heftig konsumieren, großformatig und modern. Man soll möglichst sofort erkennen können, dass da ein Warhol oder ein Richter oder lassen Sie es einen Polke sein an der Wand hängt.

Zumal heute die Idee des Wertzuwachses eines Kunstwerkes einen viel höheren Stellenwert einnimmt als früher? Der Preis als Qualitätskriterium?

Ähnliches beobachte ich auch in der Kleidung. Ich frage mich nur, woran dieser Verlust in der Wahrnehmung liegt. Es scheint da einen Riss, bedingt durch den Zweiten Weltkrieg, zu geben. Ich könnte mir vorstellen, dass der in ähnlicher Weise das bildungsbürgerliche Privatsammeln geprägt hat. Die ungebrochene Kontinuität ist weg. Die familiär weitergegebene Sammlungskultur, wie man sie beispielsweise in England oder Italien oder auch in Frankreich häufiger findet, hat in Deutschland stark gelitten. Einrichten, Kleiden, Essen, Kunstsammeln – nach dem 68er-Ideologiesprung interessierte sich in den 1970er-Jahren einfach niemand mehr für nichts. Und dann haben wir ab den Achtzigern eine Wende erlebt. Beim Wein zum Beispiel. Zu Anfang unterschied man in Deutschland vielleicht gerade zwischen Rot- und Weißwein. Ein paar Jahre später wollten junge Männer Rotweine im Blindtest zu unterscheiden wissen. Ein differenziertes Konsumieren hat da eingesetzt. Und man wendete sich auch der Kunst wieder zu. Aber eben nicht der dunklen, vermeintlich langweiligen, altmeisterlichen.

Aber klingt das nicht nach arger Attitüde?

Ach was. Und selbst wenn. Sehen Sie sich doch mal das 17. Jahrhundert in den Niederlanden an. Da kam es zu Spekulationsblasen in der Kunst, die hatten mindestens das heutige Ausmaß. Vom Hühnerhof zum pissenden Bauern – alles wurde plötzlich ‚schilderartig‘, also es wert, gemalt zu werden. Was man vorher nicht gemalt hatte, wurde nun zum Bildsujet. Und warum war das Ganze so erfolgreich? Weil nach Bildersturm und Revolution die wichtigsten Auftraggeber, Kirche und Adel, wegfielen und die Künstler anfingen, das Alltägliche abzubilden, um sich damit neue Käuferschichten zu erschließen. Die Bauern und Bürger sahen erstmalig ihre Realität abgebildet. Alle kauften Kunst. Auf Kirmessen, Jahrmärkten und Lotterien. Solche Markthypes auf Kunst hat es also immer gegeben.

Was sind die Konsequenzen?

Einmal sind wir zur totalen Freiheit befreit, das ist das große Geschenk des 20. Jahrhunderts und die gute Seite am Ganzen. Doch wenn man sich die großen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts anschaut, so kommen wir mit noch mehr Freiheit gar nicht weiter. Die große Herausforderung des 21. Jahrhunderts ist die Verantwortung. Jetzt nehmen Sie den Künstler im Atelier. Der ist total befreit. Der ist nicht mehr in irgendwelchen Schulen, in irgendwelchen Traditionen oder klar definierten Moden gefangen. Alles ist gleichzeitig möglich. Und so muss auch er sich, wenn er sich nur vors Blatt setzt, schon fragen, will ich lieber malen, oder will ich lieber collagieren oder will ich zwischen den Medien springen? Aus dieser Auflösung aller Bewertungskategorien entsteht eine große Unsicherheit am Kunstmarkt. Auch in der Bewertung der Qualität der Kunst.

Was sind für Sie, der Sie mit den Alten Meistern aufgewachsen sind, Kriterien für Qualität in der Kunst des 21. Jahrhunderts?

Der Preis ist es jedenfalls sicherlich nicht. Gelegentlich kommt mir der ein oder andere Galerist oder Künstler entgegen mit den Worten: Ich kann doch so gut altmeisterlich malen oder ich hab hier einen, der würde doch so gut neben die Altmeister passen. Als Sammler, der ich ja groß geworden bin mit dem Kanon der Alten Kunst, musste ich erst einmal lernen, dass das zwar schon ganz viel ist, so malen zu können wie ein Alter Meister, aber eben auch nicht alles. Eine Zeit lang habe ich gedacht, das sei zumindest eine notwendige Voraussetzung für gute Kunst, auch wenn da noch sehr viel mehr dazukommen muss, Kreativität, Fantasie, die Fähigkeit, mit Vorstellungen zu brechen. Heute, muss ich sagen, stell ich auch das infrage. Man braucht es gar nicht. Man kann trotzdem gute Kunst schaffen, auch ohne im klassischen Sinne Malerei zu beherrschen. Bacon konnte das schließlich auch nicht. Aus dem Inneren heraus eine Ausdrucksweise finden kann man auch so.

Was war Ihr erster zeitgenössischer Kunstkauf?

Auf dem Akademierundgang Düsseldorf habe ich mir 2004 die Paranoisch-zölibatäre Maschine von Alexander Gehring gekauft, von dem ich seitdem nicht mehr viel gehört habe. Ich wusste damals noch nicht, wie wichtig der Galerist als Stabilisierungsfaktor für die Biografie eines jungen Künstlers ist. Auch den Lifteffekt der Galerien gibt es bei den Altmeistern so nicht. Das musste ich auch erst einmal lernen: Welche Bedeutung es für einen zeitgenössischen Künstler hat, von welcher Galerie er vertreten wird. Nehmen Sie beispielsweise die TEFAF Maastricht. Da gibt es immer drei bis vier Bilder von Van Goyen, mal beim einen, mal beim anderen Händler. Es spielt keine Rolle, wer sie anbietet. Das ist bei den Zeitgenossen vollkommen anders.

Um wie viele zeitgenössische Arbeiten haben Sie die Sammlung seit Ihrem ersten Kunstkauf 2004 mittlerweile erweitert?

Über 1.000 zeitgenössische Bilder sind es.

Das ist eine Menge. Sie müssen furchtbar gerafft haben.

Das sagt sich so. Wenn Sie sich aber den Erwerbszeitraum von bedeutenden Privatsammlungen angucken, ist der Nukleus von fünf bis zehn Jahren typisch. So ungewöhnlich ist das nicht. Ich musste mir ja auch das Handwerkszeug des Sammelns nicht mehr beibringen und brauchte keine Warmlaufphase. Allerdings ist mir letztlich noch nicht klar, nach welchem Kriterium ich in meiner Sammlung des 21. Jahrhunderts selektionieren könnte. Ich bin auf der Suche. Wenn ich mir die Kriterien erschlossen habe, werde ich mich auch von Bildern trennen. Unterbewusst findet das vielleicht schon statt. In Oelde bespielen wir vier Häuser mit Kunst, in Berlin hängt viel und wir leihen oft aus. Andere Werke stehen im Keller. Vermutlich ist das schon meine Art der Selektion.

Selektieren Sie beim Kunstkauf nach finanziellen Aspekten? Darf Kunst auch Geldanlage sein?

Meinen Freunden, die immer so herum mäandern, auch gerne einmal ein Kunstwerk kauften aber Angst vor der Geldausgabe haben, sage ich immer: Jetzt fangt doch erst mal an! Wenn Ihr den ersten Schritt macht, kommt alles auf Euch zu. Dann wird das Bild Signale senden, Ihr wollt mehr wissen, dann kauft Ihr irgendwann das zweite Bild. Wenn man ständig darüber nachdenkt, welches Bild irgendwann einmal mehr wert sein wird, dann kauft man doch gar nichts. Ich habe großes Verständnis dafür, dass man, wenn man denn einen fünf- oder sechsstelligen Betrag für ein Kunstwerk einzutauschen bereit ist, auch nach der Wertentwicklung fragt. Ob man das jemals wiedersehen wird? Die Frage ist total legitim. Aber dies ist nur eine von mehreren Fragen, die dann in einen Entschluss münden müssen. Auch mit wenig Geld kann man große Kunst kaufen – in der Druckgrafik beispielsweise oder bei noch jungen Künstlern, die gerade von der Akademie kommen. Da muss man sich dann auch nicht ständig die Frage stellen, ob man das Geld jemals wiedersieht.

In ihren eigenen Kaufaktivitäten konzentrieren Sie sich seit 2004 vornehmlich auf die Zeitgenossen?

Ja, diese frechen zeitgenössischen Bilder von beispielsweise Daniel Richter, Neo Rauch, Gabi Hamm, Moritz Schleime, Norbert Schwontkowski, Jonas Burgert, Martin Eder oder Katharina Otto haben mir ganz viel Input gegeben. Ich hatte eine große Bildungslücke und kannte die zeitgenössische Szene überhaupt nicht. Nach meinem Erlebnis in Düsseldorf bin ich dann zu all jenen Galeristen und in all jene Museen gegangen, die mir nicht so vertraut waren. Und so landete ich in einer Sonderausstellung von Ruprecht von Kaufmann in der Kunsthalle Mannheim. Die hat mich unglaublich beeindruckt, so dass ich Kontakt zu von Kaufmanns Galeristen Christian Ehrentraut aufgenommen habe. Der hat mir dann den Spiegel vorgehalten.

Hat er das?

Ja, Christian Ehrentraut hat zu mir gesagt: „Thomas, mit Deinen Alten Meistern mache ich eine Ausstellung in der Berliner Brunnenstraße.“ Dann hat er sich zwölf Alte Meister von uns genommen und hat sie mit Zeitgenossen kontrastiert. Das hat bei mir einen Katalysatoreffekt ausgelöst. Was man mit den Alten Meistern im Dialog mit den Zeitgenossen alles tun und machen kann, war mir bis dahin nicht bewusst. Bald darauf folgte auf meinem Vorschlag hin die erste Dialogausstellung in Gera, die eigentlich erst eine Altmeisterausstellung werden sollte.

Der dortige Kurator hat nicht düpiert auf Ihren Vorschlag reagiert?

Das habe ich auch erst befürchtet. Was sagt der jetzt zu meinen zeitgenössischen Landschaften? Deine Alten Meister zeige ich ja gerne, aber die Zeitgenossen kannst Du Dir in den Keller hängen? Aber nein, er war begeistert. Ein halbes Jahr später kommt die Anhaltische Gemäldegalerie in Dessau auf mich zu und fragt nach Stillleben. Ich hab wieder den Kloß im Hals und zeige denen auch die Zeitgenossen. Und wieder Begeisterung. Und so haben mittlerweile ein halbes Dutzend dieser Dialogausstellungen realisiert.

Wie reagiert das Publikum auf die Ausstellungen?

Mir wird immer versichert, es seien die bestbesuchten Ausstellungen. Weil sie mit einem Mal die beiden Gemeinden, einmal die große Gemeinde, die sich für die Zeitgenossen interessiert, aber dann eben auch die immer noch sehr lebendige, kleine, bildungsbürgerliche Gemeinde, die sich für Alte Kunst interessiert, ansprechen. Auf einer Ausstellungseröffnung auf Schloss Corvey beispielsweise hatte ich ein mittlerweile legendäres Kloerlebnis. Da hat mich ein älterer Herr am Pissoir angesprochen, der offenbar niemals zuvor in einer Ausstellung mit zeitgenössischer Kunst gewesen war. Die Ausstellung sei ein Seherlebnis, wie er sich das überhaupt nicht habe vorstellen können, sagt der mir an diesem merkwürdigen Ort.

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